Die Kirche St. Johannes Baptist Herford – Geschichte der ehemaligen Johanniterkommende
Wer durch Herford spaziert und an der Pfarrkirche St. Johannes Baptist vorbeikommt, ahnt vielleicht nicht sofort, wie vielschichtig die Geschichte hinter diesem Gebäude ist. Das Bauwerk im Herzen Ostwestfalens trägt in sich fast achthundert Jahre christlicher Präsenz, ritterliche Ordensgeschichte und den Wandel einer ganzen Region.
Die Johanniterkommende – ein Orden prägt die Stadt
Den Grundstein für die heutige Pfarrkirche legte der Johanniterorden. Bereits um 1231 entstand eine Niederlassung der Ritter in der damals neu gegründeten Herforder Neustadt – eine Gründung, die auf Initiative von Äbtissin Gertrud II. zurückgeht. Der Orden, der ursprünglich als Hospitalorden im Heiligen Land wirkte, errichtete in ganz Europa sogenannte Kommenden: lokale Ordensniederlassungen, die sowohl religiöse als auch wirtschaftliche und militärische Funktionen erfüllten.
Die Johanniterkommende Herford war Teil dieser weitgespannten Ordensstruktur und verlieh der Stadt einen Rang, den nur wenige mittelgroße Orte im heutigen Nordrhein-Westfalen vorweisen können. Im Gefüge der Klosterlandschaft OWL – geprägt von Damenstiften, Bettelorden und benediktinischen Niederlassungen – nahm die Kommende eine eigene Stellung ein.
Der barocke Kirchenbau von 1715
Die mittelalterliche Kapelle des Ordens existierte Jahrhunderte lang, bevor Komtur Johann Sigismund von Schaesberg im Jahr 1715 einen Neubau in Auftrag gab. Er ließ eine barocke Saalkirche errichten – schlicht und doch würdevoll, wie es dem Geschmack des frühen 18. Jahrhunderts entsprach. Dieser Bau bildet bis heute den östlichen Kern der Kirche.
Eine barocke Saalkirche zeichnet sich durch ihre klare Raumwirkung aus: kein gegliedertes Langhaus mit Seitenschiffen, sondern ein einheitlicher, weiter Innenraum, der die Gemeinde um den Altar versammelt. Diese Bauform war im deutschen Kirchenbau des Barock weit verbreitet und betonte die liturgische Gemeinschaft.
Säkularisation und Neubeginn
Das Ende der Kommende kam mit den napoleonischen Umwälzungen. 1808 wurde die Malteserkommende – der Orden war nach dem Verlust Maltas 1798 als Malteserorden fortgeführt worden – im Zuge der Säkularisation aufgelöst und ihr Besitz verstaatlicht. Was Jahrhunderte lang ein Ordensgut gewesen war, ging in weltliche Hände über.
Doch die Kirche blieb. Und schon 1820 wurde die Katholische Kirchengemeinde St. Johannes Baptist Herford als eigenständige Pfarrei für die Katholiken der Stadt und des Umlandes gegründet. Mitten in einer protestantisch geprägten Region – Herford war seit der Reformation weitgehend lutherisch – entstand so ein neuer katholischer Mittelpunkt.
Die neuromanische Erweiterung von 1890/91
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Gemeinde, und der barocke Bau reichte nicht mehr aus. 1890/91 wurde ein neuromanischer Anbau an die Westseite der Kirche angefügt – eine für die damalige Zeit charakteristische Erweiterungsform, die die mittelalterliche Romanik als bewusste historische Referenz aufgriff.
Bemerkenswert ist dabei eine liturgische Besonderheit: Der neue Altarraum wurde im Westen untergebracht. Das widerspricht der klassischen Kirchenorientierung, nach der der Chor traditionell nach Osten ausgerichtet ist – eine Praxis, die auf die Himmelsrichtung des aufgehenden Sonnenlichts als Symbol für die Auferstehung verweist. In St. Johannes Baptist Herford liegt der Altar also im Westen, was dem Bau eine ungewöhnliche innere Logik verleiht und Kenner der Kirchenarchitektur bis heute beschäftigt.
Das Ensemble aus barockem Kern und neuromanischer Erweiterung macht die St. Johannes Baptist Herford Geschichte zu einem kleinen Lehrstück über die Kontinuität des Glaubens durch wechselnde Epochen hindurch.
Bedeutung im Kontext der Klosterlandschaft OWL
Ostwestfalen-Lippe besitzt eine außergewöhnliche Dichte an kirchlichen Gründungen des Mittelalters. Stifte wie das Damenstift Herford, Klöster und eben auch Ordenskommenden prägten die Region über Jahrhunderte. Die Johanniterkommende Herford fügt sich in dieses Bild ein – als Zeugnis einer Zeit, in der Kirche, Orden und weltliche Herrschaft untrennbar miteinander verwoben waren.
Wer sich für die Geschichte der Ordenshäuser in Deutschland interessiert, findet auf der Seite zu ehemaligen Johanniterkommenden in der deutschsprachigen Wikipedia einen guten Überblick über die Verbreitung des Ordens im deutschen Sprachraum – und kann dort nachverfolgen, wie weitreichend das Netz dieser Niederlassungen einst war.
Für die heutige Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist ist dieses Erbe kein bloßes Museum. Die Geschichte der ehemaligen Kommende ist Teil des Selbstverständnisses einer Gemeinschaft, die in Herford seit fast zwei Jahrhunderten Gottesdienste feiert, Sakramente spendet und Menschen in allen Lebensphasen begleitet.